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Am 15. Oktober 2018 unternahm ein 20-jähriger Gefangener in der JVA Herford einen Suizidversuch, bloß weil ihm nicht sofort ein Fernseher ausgehändigt worden war.

Kein Fernseher: H√§ftling z√ľndet Zelle an

Brand in der JVA Herford

In der JVA Herford, einer Einrichtung des Jugendvollzuges, hat sich ein zwar nicht alltägliches, aber doch neuerdings vermehrt auftretendes Vorkommnis zugetragen. Im Oktober 2018 hatte ein 20-jähriger Gefangener mit Migrationshintergrund und unklarer Identität den von ihm bewohnten Haftraum in Brand gesetzt.

F√ľr diese Tat musste er sich im Dezember 2019 vor dem Jugendsch√∂ffengericht des Amtsgerichts Herford verantworten. Interessant ist der Fall deshalb, weil an ihm exemplarisch deutlich wird, dass es oftmals nichtige Gr√ľnde sind, die Gefangene zu einem Suizidversuch oder dem Eingehen gro√üer Gesundheitsrisiken f√ľr Bedienstete und Mitgefangene veranlassen.

Um seine Motivation zu begr√ľnden, hatte er f√ľr das Gericht eine √ľberaus schlichte Erkl√§rung parat: ‚ÄěMir ging‚Äôs nicht gut. Ich wollte mich umbringen.‚Äú Schlecht ging es ihm, weil er nicht sofort einen Fernseher bekam. Dies war f√ľr den jungen Mann Grund genug, in seinem Haftraum auszurasten, den Schrank umzuwerfen, das Bett aus der Verankerung zu rei√üen und diese Haftraumausstattung mittels seiner angez√ľndeten Kleidung in Brand zu setzen.

Suizidversuch aus nichtigem Grund

Dass er bei seinem Suizidversuch keine erheblichen gesundheitlichen Sch√§den davontrug, war nur dem schnellen und besonnenen Eingreifen der Herforder Kolleginnen und Kollegen zu verdanken. Dem Gericht schilderte eine Kollegin die Situation als Zeugin wie folgt: ‚ÄěZuerst hat es im betroffenen Haftraum gescheppert und geknallt. Als wir die T√ľr √∂ffneten, war der Raum voller Rauch. Der Gefangene befand sich in unmittelbarer N√§he des Fensters und weigerte sich, den Raum freiwillig zu verlassen.‚Äú Mehrere Kollegen seien daraufhin unter Inkaufnahme gesundheitlicher Risiken in den Haftraum eingedrungen, h√§tten den jungen Mann gepackt und in einem anderen Haftraum untergebracht. Da der Brand erst im Entstehen begriffen war, gelang es den Kolleginnen und Kollegen die Flammen durch den Einsatz von Feuerl√∂schern zu ersticken.

Das Ausma√ü der Verw√ľstung des Haftraums war betr√§chtlich. Schrank, Bett und Fensterscheibe fielen der Zerst√∂rungswut des Gefangenen zum Opfer. Der Brand machte den Raum dann vollends unbewohnbar. Das Jugendsch√∂ffengericht sprach in seiner Urteilsbegr√ľndung von verfestigten sch√§dlichen Neigungen und bescheinigte dem 20-J√§hrigen schwere charakterliche M√§ngel, woraus sich nur eine sehr schlechte Sozialprognose ableiten lasse.

20-J√§hriger kam als Wirtschaftsfl√ľchtling

Der 20-J√§hrige, dessen Nationalit√§t nicht gesichert ist, kam 2015 als Fl√ľchtling aus Marokko √ľber Italien nach Deutschland. Er entstammt, seinen Angaben zufolge, einer bettelarmen Familie. Er verf√ľgt √ľber keinerlei Schulbildung, keine Arbeit und keine Bindungen. In Deutschland hat er einen Asylantrag gestellt, der abgelehnt wurde. Seine Abschiebung scheitert bislang an seiner ungekl√§rten Identit√§t. Zwei potenzielle Herkunftsl√§nder ‚Äď darunter Marokko ‚Äď haben seine Aufnahme abgelehnt.

In Deutschland ist der junge Mann seit seiner Ankunft immer wieder straff√§llig geworden. Er dealte mit Marihuana, beging zahlreiche Eigentumsdelikte und eine K√∂rperverletzung. Zun√§chst ging die Justiz sehr nachsichtig mit ihm um. Nachdem jedoch die Zahl der Straftaten zunahmen und sich die R√ľckfallgeschwindigkeit immer mehr erh√∂hte, landete er f√ľr etwas mehr als ein Jahr im Herforder Jugendgef√§ngnis.

Sein gescheiterter Suizidversuch trug ihm jetzt die Verl√§ngerung der Strafzeit ein. Das Jugendsch√∂ffengericht Herford verurteilte ihn wegen versuchter schwerer Brandstiftung und Sachbesch√§digung zu weiteren f√ľnf Monaten Freiheitsstrafe.

Risikofreude der Klientel sollte nicht zu Lasten der Vollzugsbediensteten gehen

Der 20-J√§hrige steht sinnbildlich f√ľr viele Nordafrikaner, die ohne Asylgrund illegal nach Deutschland einreisen, um f√ľr sich und ihre Familien ein besseres Leben zu finden. Er gibt allerdings auch ein gutes Beispiel daf√ľr ab, wie sorglos diese Klientel Leben und Gesundheit zur Durchsetzung von Forderungen und W√ľnschen einsetzt.

In dieser Hinsicht kommen dann unverhofft Risiken auf die Strafvollzugsbediensteten zu, mit denen man nicht gerechnet hat und auch nicht rechnen musste. Dies hat uns der Fall des Amad A. klar vor Augen gef√ľhrt, der einen Brand in der JVA Kleve legte, an dessen Folgen er sp√§ter in einer Bochumer Spezialklinik verstarb. Die Polizei hatte sich bei der korrekten Feststellung der Identit√§t des Gefangenen geirrt. Dies ist sicher ein berechtigter Grund f√ľr Medien und Politik nachdr√ľckliche Ursachenaufkl√§rung zu fordern. Die Strafvollzugsbediensteten aber gleichfalls mit Vermutungen und Verd√§chtigungen zu √ľberziehen, schoss doch etwas √ľber das Ziel hinaus.

Aufklärung muss sachlich und rational gestaltet sein

Vermutlich sind es unsere ‚ÄěSteinzeitgene‚Äú, die unseren Jagdinstinkt immer noch wachhalten. Bevor seitens der Medien und auch der Politik diesem Jagdinstinkt nachgegeben wird, sollte allerdings zun√§chst eine rationale Kontrollebene eingezogen werden, um nicht Strafvollzugsbedienstete zu br√ľskieren, die Leben und k√∂rperliche Unversehrtheit riskierten, um Amad A. das Leben zu erhalten. Diese Kolleginnen und Kollegen, die nach dem Einsatz alle medizinisch behandelt werden mussten, h√§tten Lob und Anerkennung verdient gehabt. Stattdessen wurden sie mit Vorhaltungen und Verd√§chtigungen konfrontiert.

Offenbar k√∂nnen sich weder Medienvertreter noch beteiligte Politiker vorstellen, dass Gefangene sich mitunter rational kaum nachvollziehbar verhalten. Das Beispiel des 20-J√§hrigen aus der JVA Herford belegt dies nachdr√ľcklich. Er lie√ü sich zu einem spontanen Suizidversuch hinrei√üen, weil er nicht sofort einen Fernseher bekam. Daf√ľr riskierte er sein eigenes Leben und das seiner Mitgefangenen. Dieses Beispiel sollten Medienvertreter und Politiker in ihr Bewusstsein heben, dann lie√üen sich vielleicht bestehende Vorbehalte abbauen, Vertrauen k√∂nnte wachsen.

Friedhelm Sanker

Foto im Beitrag © Archiv BSBD